LAND DER PYRAMIDEN

Hurghada

Die Fahrt nach Hurghada führt uns wieder durch die Wüste. Die Sandwüste wandelt sich, je weiter wir uns der Küste nähern, zu einer Steinwüste mit bizarren Felsformation. Hurghada selbst ist definitiv ein starker Kontrast zu Ägypten entlang des Nils. Mächtige Hotelanlagen, die zum Teil mitten in der Wüste gebaut wurden, konkurrieren hier miteinander. Die Eselkarren und Tuk-Tuks werden durch Autos ersetzt. Auf den Straßen entlang der Hotelkomplexe herrscht geschäftiges Treiben. Nach der idyllischen Zeit auf dem Schiff fühle ich mich etwas überwältigt von all den Eindrücken. In der Stadt fehlt mir die Authentizität, das auf natürliche Weise gewachsene. Sie wurde viel mehr rasant schnell gebaut und stetig erweitert, als man merkte, dass die Tourismusbranche gerade einen Boom erlebt. Am Strand setzt sich das rege Treiben fort. Keine halbe Stunde vergeht, ohne dass uns übereifrig Massagen, Duftöle, Touren, Peelings, Masken, Cocktails und was man sich nur vorstellen kann, angeboten werden. Es ist wie auf dem Basar und kratzt etwas an meinem Nervenkostüm. Ich möchte raus. Raus um dem Trubel zu entkommen.

Das Glück dieser Erde

Und wo könnte man besser abschalten, als auf dem Rücken von Pferden? So genießen wir den Vormittag des zweiten Tages in Hurghada auf dem Rücken von zwei fuchsfarbenen Araberstuten. Zumindest genieße ich die Stunden. Max hat als Reitanfänger ganz schön zu kämpfen. Sein Pferd sucht sich gleich die erste Sandkuhle aus um sich dort nieder zu lassen. Als ich mich im Sattel umdrehe, bietet sich mir eine Szene, in der seine Stute am Boden hockt wie ein Kamel und wohl noch dabei ist zu analysieren, wie sie den lästigen Ballast nun von ihrem Rücken los wird, um sich ausgiebig im Sand zu aalen. Dazu kommt es natürlich nicht. Gleich stürzen unser Tourguide und ich uns auf die Stute und bringen sie dazu, ihre ungeplante Pause zu unterbrechen, indem wir sie zurück auf die Beine holen. Max sitzt wieder auf und wir reiten durch den trockenen Wüstensand. Nach einer Weile schwingt Max sich noch einmal aus dem Sattel. Diesmal um mit seinem Pferd am Zügel zu warten, während ich auf meinem Pferd die schnurgerade Strecke entlang einer Palmenallee jage. Obwohl es noch früh am Morgen ist, sind die Temperaturen schon wieder beträchtlich hinauf geklettert auf dem Thermometer. Die Pferde freuen sich also über eine Erfrischung im Meer nach dem Ritt durch die Wüste. Mein Pferd, das noch erhitzt ist vom Galopp, freut sich so sehr, dass es sich ohne jede Vorwahnung im Wasser nieder lässt und sich beginnt zu wälzen. Ich kann gerade noch abspringen und biege mich vor Lachen. Damit habe ich nicht gerechnet. Nicht so plötzlich. Irgendwo kann ich die Stute ja auch verstehen, dass ihr diese Art der Erfrischung gerade recht kommt. Genüsslich wälzt sie sich im kühlen Nass mitsamt Sattelzeug und es dauert eine Weile, bis sie sich wieder aufrichen lässt. Danach steht sie am Strand in vollständiger Glückseeligkeit, macht den Hals lang und lässt ihre Ohren links und rechts zur Seite hängen. Ich komme gar nicht mehr heraus aus dem Lachen, weil es einfach zu komisch aussieht. Zurück geht es durch die Hotelanlage zum Stall. Dort angekommen sind Pferd und Reiter schon fast wieder getrocknet. Nun bekommen wir noch den heißblütigen Deckhengst präsentiert. Er stürzt erhobenen Hauptes mit voller Körperspannung aus seiner Box, wiehert und schnaubt erregt, als er die Stuten begrüßt. „Die agyptischen Männer sind Schlingel.“, meint der Tourguide, der den Ausritt mit uns zusammen gemacht hat. Zu dieser Erkenntnis bin ich auch schon gekommen denke ich und grinse in mich hinein. Ich erzähle ihm von meinem früheren Pferd Prinz. Er fragt, ob er auch ein Hengst war. Ich verneine und erkläre, dass er bereits Wallach war, als er zu mir kam. Das missfällt ihm sichtlich und ihm entgleisen betroffen die Gesichtszüge. In Ägypten kastriert man die Pferde wohl ausschließlich in Ausnahmefällen, also dann, wenn außergewöhnliche Gefahr von ihnen ausgeht durch Beissen oder Schlagen. Ansonsten lässt man den Pferden ihren “Stolz”. Die meisten Ägypter, die sich mit Pferden befassen, sind männlich und würden sich durch die Kastration von ihrem Pferd bestimmt persönlich betroffen fühlen. So bin ich ganz froh, dass wir zwei Mädels reiten konnten und lediglich ein Sandbad und eine Erfrischung im Roten Meer mit ihnen erlebt haben. Wer weiß schon welche Dummheiten einem Hengst unterwegs eingefallen wären. Den Nachmittag verbringen wir am Strand. Heute ist es etwas diesig. Wenige Badegäste tummeln sich am Strand und wir genießen die Ruhe.

Der Ausdruck ihrer Augen ist der einer liebenden Frau,
ihr Gang ist der eines schönen Weibes,
ihre Brust die eines Löwen,
ihre Flanken sind die einer Gazelle.
Sie ist die Trinkerin des Windes,
ihre Nüstern sind geöffnet wie die Blütenblätter einer Rose.
Ihr Fell ist wie ein Spiegel,
ihr Haar so dicht wie die Federn auf Adlers Schwingen.
Ihr Huf ist so hart wie Stein, von dem man Feuer zu schlagen vermag.
Sie ist so sanft wie ein Lamm, jedoch wie ein Panther im Zorn,
wird sie geschlagen oder gereizt.

Aus dem Arabischen

Wenn ich auch glaube, dass es ihnen gelungen ist, wirklich edle arabische Pferde sich zu verschaffen, so dürfen sie deshalb doch nicht glauben, dass Sie arabische Pferde von ihnen züchten, denn das arabische Pferd ist nur so lange ein arabisches, als es die Luft der Wüste einatmet.

Abbas Pascha zu Baron von Hügel

Kairo

Die darauf folgende Nacht ist kurz, denn wir brechen um 2.00 Uhr auf nach Kairo. Während der Busfahrt durch die Wüste entlang der Küste des Roten Meeres wandelt die Nacht sich langsam zum Tag. Wir erreichen die Stadt am frühen Morgen. Zuerst besuchen wir das Ägyptische National Museum in der Innenstadt am Al-Tharir-Platz. Mit 150.000 Artefakten gilt es als weltweit größtes Museum für altägyptische Kunst. Besonders beeindruckend sind die Schätze aus Tutanchamuns Grab. Sie sind allesamt gut erhalten und zeugen von großer handwerklicher Fertigkeit. Die Totenmaske aus massivem Gold ist das wohl berühmteste Ausstellungsstück. Der äußerste und mittlere Sarg des Tutanchamun sind vergoldet. Der innerste Sarg besteht aus reinem Gold und hat ein Gewicht von 110,4 Kilogramm. In ihm befand sich die Mumie. Vergoldet waren auch die vier den Sarkophag umgebenden Holzschreine sowie der kleinere Kanopenschrein mit dem Kanopenkasten, weitere Schreine und Statuen des Königs und verschiedener Gottheiten. Die detailreichen Intarsienarbeiten finde ich besonders beeindruckend. Auch der Erhaltungszustand der Mumien ist faszinierend wie abschreckend zugleich in einer Zeit, in der man doch eher selten so offenkundig mit dem Tod konfrontiert wird. Nach dem Museumsbesuch machen wir uns auf den Weg zu den Pyramiden. Max, der als kleiner Junge schon einmal dort war, ist schockiert, wie sehr die Stadt seither gewachsen ist. Kairo ist dicht an dicht verbaut mit Lehmziegelhäusern. Dazwischen finden sich immer wieder Moscheen, die 500 – 700 Jahre alt sind und an den wunderschönen, detailreichen orientalischen Baustil der damaligen Zeit erinnern. Entlang des Nils befinden sich die Wohngebiete für die Ober- und Mittelschicht. Die Kluft zwischen den Reichen und der von weit verbreiteter Armut geprägten Vierteln ist deutlich spürbar. Ungefähr ein drittel der Ägypter hier fallen unter die Armutsgrenze. Viele Häuser verharren noch im Rohbau. Genauso wie das neue Große Ägyptische Museum, auch Gizeh Museum genannt, welches nur zwei Kilometer entfernt von den Pyramiden von Gizeh entfernt gebaut wird. Der Grundriss des Museums entspricht einem Dreieck, dessen Fassade wie das Sierpinski-Dreieck konstruiert werden soll. Während die Nord- und Südseite auf die Mykerinos- und die Cheops-Pyramide zeigen, wird vor dem Museum ein großer Platz mit Feigenbäumen angelegt. Besonders charakteristisch für den Bau wird die transparente Mauer aus Alabaster werden, welche die vordere Fassade des Gebäudes bildet. Es sollen in der Zukunft die vielen unpublizierten kunsthistorischen Schätze hier ausgestellt und so für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auf diese Weise möchte man den Verkehr in der Stadt, welcher durch den Andrang im alten Ägyptischen National Museum entsteht, entasten.

Die Muhammad- Ali-Moschee – auch als “Alabaster Moschee” bekannt – wurde in Kairo 1824 bis 1884 im osmanischen Stil mit barocken Elementen erbaut. Die Südostansicht der Moschee ist auf der Vorderseite der ägyptischen 20 Pfund-Banknote abgebildet.
Detail des goldenen Schrein aus dem Grab des Tutanchamun im ägyptischen Museum, Kairo
Das alte Ägyptische National Museum, Kairo

Die Pyramiden

Gizeh bildet mit Kairo eine Metropolregion mit über 16 Millionen Einwohnern. Bekannt ist die Stadt für das Gizeh-Plateau mit seinen altägyptischen Königsgräbern, Pyramiden und Tempeln, einschließlich der Sphinx. Unser Weg um die Pyramiden in der Gluthitze ist gesäumt von Kamelen mit in bunten Farben gewebtem Sattelzeug und Bommel- und Quastenverziertem Zaumzeug. Kutschfahrer mit willenlos dreinblickenden Pferden, die durch ihre tägliche Arbeit deutlich gezeichnet sind, bieten ihre Dienste an, Besucher um die Pyramiden zu chauffieren. Sie streiten sich untereinander, wer die Touristen befördern darf. Es herrscht ein gewisser Kampf um das Überleben habe ich den Eindruck. Die Pyramiden zählen seit 1979 zum Weltkulturerbe. Es erscheint unglaublich, dass die Menschen damals vor 4600 Jahren mit den einfachsten Miteln diese Wunderwerke geschaffen haben, die bis heute erhalten sind. Mit dem Bau der Pyramiden sind damals auch Nebenpyramiden, Felder mit Gräbern, Tempeln und Arbeiterdörfer entstanden. Besonders erstaunlich ist, dass bei dem Bau der Pyramiden keine beräderten Hilfsmittel zum Einsatz gekommen sein sollen. Höhenunterschiede wurden wohl durch das Ziehen der Lasten überwunden. Das ist absolut unvorstellbar, wenn ich so neben den mächtigen Gesteinsblöcken stehe und mir deren eigentliche Ausmaße bewusst werden. Die größte Pyramide, die des Pharao Cheops, war ursprünglich 146,6 m hoch und wurde aus etwa 3 Millionen Steinblöcken erbaut, die durchschnittlich 2,5 t wiegen. Unvorstellbar, wie gesagt. Die Sphinx befindet sich etwas unterhalb der Pyramiden. In der Zeit der napoleonischen Ägyptenfeldzüge von 1798 bis 1799 begannen die wissenschaftlichen Erforschungen. Dem Mischwesen in der Gestalt eines Löwen mit dem Kopf eines Menschen fehlte schon vor den Feldzügen die Nase, die bis heute nicht ersetzt wurde. Damit haben sich die Gerüchte, dass die Nase den Gefechtsübungen der Truppen zum Opfer gefallen ist, als falsch erwiesen. Die mit Napoleon in das Land Ägypten gekommenen Wissenschaftler stellten die Sphinx schon damals ohne Nase dar. Napoleon selbst sprach von dem Land als „Wiege der Wissenschaften und Künste der gesamten Menschheit“.

Ein Rundgang in Ehrfurcht und Demut entlang der Pyramiden von Gizeh.

Was bleibt von uns?


Viel zu schnell verrinnt die Zeit. Die Rückfahrt führt uns wieder an der Küste des Roten Meeres entlang. Und betübt mich sehr. Ein beträchtlicher Teil der Küste wurde mit weitreichenden Hotelanlagen dicht an dicht bebaut. Sie sind mit Mauern umzäunt und gleichen kleinen Städten, bzw. Geisterstädten. Denn sie befinden sich oft im Bau, oder wurden nicht weiter gebaut und stehen leer. Von unberührter Natur ist hier leider nicht mehr viel zu sehen. Investoren gehen sogar so weit, dass sie im Streit mit der Konkurrenz um die besten Plätze, Bootsstege oder gleich ganze Hotelkomplexe auf das Riff bauen lassen. Das macht micht traurig, dass das Land wegen des Touismus so in Mitleidenschaft gezogen wird. Gerne möchte ich die Natur erforschen und die Kultur durch Land und Leute kennen lernen, aber möglichst ohne meinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Ein weiteres leidiges Thema ist der Umgang mit dem Müll in Ägypten. Gerne würde ich es vermeiden, doch es ist allgegenwärtig und somit möchte ich es auch an dieser Stelle nicht totschweigen. 80% des Abfalls landen auf unsortierten Deponien. Nicht nur, dass diese Berge von Müll auf der Straße, in der Wüste und dem Gewässer dem Tourismus schaden- der Abfall wird durch die Einwirkung von Wärme, Wind und Wasser zerrieben und endet als Mikropartikel in die Nahrung von Mensch und Tier. Grund für dieses Scheitern des Abfallsystems ist sicher, dass der Sektor der Abfallentsorgung unterfinanziert ist. Und das, obwohl die Bürger mit Abgaben zur Müllabfuhr durch die Steuerlast belangt werden. Eine Plastikflasche benötigt etwa einen Zeitraum von 1000 Jahren, bis sie verrottet. Wenn ich auf der einen Seite sehe, was von der Kultur der alten Ägypter nach tausenden von Jahren erhalten geblieben ist, will ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass dieser Plastikmüll das sein wird, was nach vielen Jahren von unser Kultur übrig bleibt.

Genug davon. Ich möchte meinen Bericht auf keinen Fall zu eurozentrisch verfassen, denn dazu habe ich viel zu wenig Hintergrundinformationen. Unsere Busfahrt entlang der Küste wird durch ein paar sehr schöne Momente begleitet. In der Ferne sehen wir im Meer einen Schwarm Delphine. In warmen Orange- und Rottönen geht die Sonne über der Wüste unter. Wie gerne würde ich die Nacht hier draußen verbringen unter dem Himmelszelt mit seinen, fern ab der Zivilisation, riesig erscheinenden Sternen.

Auf der traumgleichen Insel

Den nächsten Tag verbringen wir am Strand von Hurghada beim Schnorcheln und mit netten Gesprächen mit unseren Mitreisenden. Am Morgen unseres letzten Tages steigen wir noch einmal auf das Schiff. Unser Ziel ist die Insel Mahmya. Sie ist bekannt für ihren feinen Sandstrand und das türkisblaue Wasser, in dem sich eine faszinierende Unterwasserwelt verbirgt. Wir relaxen unter mit Palmenblätter bedeckten Sonnenschirmen. Beim Schnorcheln erkunden wir die Korallenriffe und die zahlreichen, farbenfrohen Fische.

Am Abend zieht es uns noch einmal hinaus in die ägyptische Nacht. Entlang der belebten Sharaton Street schlendern wir vorbei an den Läden und genießen den warmen Windhauch der die immernoch warme Temperatur sehr angenehm erscheinen lässt. Das Gefühl dieses Windhauchs, der mir durch das Haar fährt, speichere ich ab in meinen Gedanken. Er wird mich immer erinnern an die Tage und die zahlreichen aufregenden Erlebnisse in Ägypten, die mich so bewegt haben. Die Gebetsrufe aus den Minaretten hallen durch die sternenklare Nacht und intensivieren diese mystische Stimmung. Besonders beeindruckt bin ich von einem Laden, der neben orientalischen Lampen auch Antiquitäten führt, wie alte Krummdolche und Öllampen. Nun fühle ich mich vollständig in eine Geschichte aus 1001 Nacht versetzt.

“An dieser Stelle unterbrach das Morgengrauen Schahrasad und sie hörte auf zu erzählen.

Aus den Geschichen aus 1001 Nacht
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Pictures by Maximilian Hagstotz

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