AUSSTELLUNG „GEFÄHRTEN“ . DIE JAHRESZEITEN

Der Herbst - Michaela Stocker

Ja, es ist etwas still geworden. Das hat mehrere Gründe. Hauptsächlich liegt es aber daran, dass die interaktiven Ereignisse etwas zurückstecken müssen, um mich den Geschehnissen des realen Lebens widmen zu können. Und nun kann ich auch bekannt geben worum es sich handelt. Nach vielen Tag- und Nachtschichten, mindestens ebenso vielen emotionalen Aufs und Abs kann ich verkünden, dass ab dem 24. April 2022 meine erste Ausstellung in der Galerie im Alten Feuerwehrgerätehaus in Bad Aibling zu sehen ist. Sie trägt den Titel “Gefährten“, denn das ist das zentrale Thema meiner Arbeiten. Meine Pastellmalereien sind durchweg inspiriert durch Begegungen und Erlebnisse, die mich die letzen Jahre bewegt haben.

„Seit ich einen Stift halten kann, habe ich das Bedürfnis, ihn Geschichten erzählen zu lassen. “

Wenn ein Autor sich in Worten ausdrückt, so drücke ich mich mit meinen Bildern aus. Hinter jedem Bild steht eine Geschichte. Mindestens eine. Oft setzen sich die Geschichten während des Malens fort und enden nicht wie anfangs geplant. Das trifft vor allem auf die Bilder-Serie “Die Jahreszeiten“ zu. Am Anfang standen die Bilder, welche die Tierschutzorganisationen regelmäßig aus Hühner-Großbetrieben zeigten. Ich bin mit Hühnern aufgewachsen und zu sehen wie diese hoch sensiblen Tiere mit einem ausgeprägten Sozialverhalten leiden müssen in diesen Ställen erschüttert mich schwer. Das Gefühl der Machtlosigkeit in diesem von Kommerz gesteuerten System gab den ersten Denkanstoß. Was kann ich tun? Vegetarisch lebe ich ohnehin schon seit mittlerweile 25 Jahren. Ich habe mich also bewusst dazu entschieden, bevor es ein großer Trend wurde auf Fleisch zu verzichten. Einerseits freue ich mich über die Entwicklung, dass zumindest mehr über dieses Thema nachgedacht wird also noch vor 25 Jahren. Andererseits wird viel geschrieben und viel geredet und euphorisch bekehrt. Aber ändert sich wirklich etwas? Praktizieren diese “Weltverbesserer“ auch, was sie predigen? Ich habe nur allzu viele getroffen, bei denen das nicht der Fall ist. Wer Wasser predigt und Wein trinkt verliert unweigerlich an Glaubwürdigkeit. Und das Thema nervt nur noch, wenn die, die nicht aus überzeugung handeln ständig durch die Medien gemaßregelt werden. Das Thema verkommt zu einem großen Nichts und die Industrie kann weiterhin verfahren wie eh und je.

Was also tun? Was kann ich tun? Die Pandemie und die damit einhergehende Einschränkung der Reisefreiheit und Kurzarbeit haben mich endgültig überzeugt: So durften wieder Hühner einziehen bei mir. Aber ich wollte sie aufwachsen sehen, mehr über die Tiere lernen und ihr Verhalten beobachten. Bereits im Ei kommuniziert der Hühner-Nachwuchs miteinander. Nach 21 Tagen Brutzeit war es dann so weit: Zwei meiner Küken haben das Licht der Welt erblickt. Die Freude war riesig! Wie erstaunlich, dass sich aus einer Eierschale plötzlich ein kleines Lebewesen mühsam herausschält. Und auch wieder nicht, denn es ist eigentlich das Normalste der Welt. Und doch war es etwas ganz besonderes dieses Ereignis mitzuerleben. Schon am ersten Tag beginnen die kleinen gelben Flauschkugeln herumzuwuseln. Am zweiten Tag gehen sie auf Futtersuche. Bald wachsen die ersten Federchen. In Gesprächen habe ich gemerkt, wie wenig wir eigentlich wissen über die Tiere, die die gesamte Weltbevölkerung schon seit Jahrhunderten ernährt. Widerwillens. Eigentlich leben diese “Dinosaurier im Mini-Format“ gerne mit uns zusammen. Aber was der Mensch ihnen im Laufe der Jahrhunderte durch gezielte Zucht angetan hat, ist unvergleichbar grausam. Vom Ur-Huhn, dem Bankiva-Huhn, welches zweimal im Jahr etwa sechs Eier legte, sind wir nun bei Hybrid-Hühneren angekommen, die durch systematische Inzucht nur ein Ziel im Leben haben: Auf Gedeih und Verderb Eier zu legen. Am besten so viele und so große wie möglich. Genauer möchte ich gar nicht eingehen, denn dann würde ich hier nie ein Ende finden und es lässt sich auch einfach recherchieren bei näherem Interesse. Außerdem- es geht ja um meine Bilder.

Die Jahreszeiten
Der Frühling. „Du kannst bald einen Kalender mit Deinen Fotos machen.“ wurde mir gesagt, denn ich habe meine Küken immer wieder inmitten von Frühlingsblumen fotografiert. Das hat mich auf die Idee für die “Jahreszeiten-Serie“ gebracht. Ich wollte meine Hühner beim Aufwachsen dokumentieren, sie auch in Entwicklungsstadien zeigen, die für Gemälde mit Hühnern untypisch sind. Dazu wollte ich ihre Geschichte in Bildern erzählen. Und irgendwo musste ich hin mit meinen Emotionen, denn manches läuft nicht immer wie geplant. Nach einigen Wochen trübte sich die euphorische Begeisterung nach dem Schlupf. Eines der drei Küken begann zu humpeln. Ich habe nichts unversucht gelassen. Nächtelang habe ich mich durch Vogelforen gelesen, mehrfach Tierärzte aufgesucht und Röntgenbilder anfertigen lassen. Aber im Grunde war mir klar, dass die Kleine wohl nie mehr richtig laufen wird. Das wollte ich in dem ersten Bild der Serie, dem „Frühling“ verarbeiten. Die Tulpen sind einmal in geöffnetem, einmal geschlossem Zustand. Mit den Tulpen, welche ja eine Ei-Form haben, wollte ich den Schlupf der Küken darstellen. Das Tränende Herz steht für die vergossenen Tränen, die Schachbrettblumen sind Sinnbild dafür, dass nicht immer alles wie erhofft geschieht im „(Schach-) Spiel des Lebens“. Die Narzissen stehen für die Hoffnung, dass mein humpelndes Küken zu retten ist, denn sie sollen die Überwindung des Todes symbolisieren. Die Vergissmeinnicht befinden sich im unteren Bereich des Bildes, dort wo sich das Küken mit dem verwachsenen Bein an seiner Schwester Stützt. Die beiden sind zusammen geschlüpft, das dritte Küken oben im Bild war ein Nachzügler und hat zwei Tage später das Licht der Welt erblickt.

Der Sommer. Der Garten blühte und grünte. Die Insekten schwirrten. Zwei dieser “Besucher“ habe ich auf meinem Bild verewigt. Die Pfingstrosen haben geblüht. Zum ersten mal überhaupt. Alles könnte so schön sein. Doch es war auch ein langsames Abschiednehmen. Der Zustand meines heranwachsenden Huhns verschlechterte sich mehr und mehr je mehr es an Gewicht zunahm. Es war traurig, denn mir wurde bewusst, dass ich sie erlösen lassen muss. Das fiel mir unendlich schwer, denn die Kleine war auf mich angewiesen und völlig auf mich fixiert. Doch sogar diese ausweglose Situation hatte etwas Schönes, denn ich durfte beobachten, wie die anderen, bereits viel größer gewachsenen Hühner sich rührend um ihre Schwester kümmerten. Sie stützten sie mit ihrem Körper, damit sie sitzen konnte. Einmal fand ich die drei halbwüchsigen Hühner wie in einem Knäuel zusammen kauernd. Diese Szene war einfach rührend. Diese sogenannten „Nutztiere“ legen ein erstaunliches Sozialverhalten an den Tag.

Der Herbst. Die Hühner sind nur noch zu zweit. Und erleben eine ungewohnte Freiheit und Unbeschwertheit. Nachdem sie bislang immer Rücksicht auf ihre Schwester genommen haben, üben sie sich nun voller Übermut im Fliegen. Und das geling ihnen erstaunlich gut. Der Garten, ihre Spielwiese, wird weiter erkundet und zeigt sich noch einmal in voller Pracht. Hirse stellt sich als ihr unangefochtenes Lieblingsfutter heraus und ist somit auch Teil des Bildes. Und dann war es soweit: Das erste Ei! Ich durfte das Ereignis sogar miterleben, denn ich kam hinzu, als mein Huhn sorgsam versuchte ihren “Schatz“ mit Streu zu bedecken. Selbstverständlich findet auch Louiserl´s erstes Ei seinen Platz in dem herbstlichen Stillleben, das gar nicht so still ist.

Der Winter. Es kehrt Ruhe ein. Der Frost bedeckt den Garten mit einer Schicht aus Puderzucker. Ich binde einen Kranz aus Fichte und Hagebutten für den Hühnerstall. Louise nimmt Platz darin und schaukelt eine Weile. Diesen Kranz ersetze ich in meinem Bild durch einen schneebedeckten Zweig. Den Blick, den sie ihrer Schwester dabei zuwirft und den neugierigen Blick, der von Nannerl erwiedert wird, behalte ich aber bei. Die Schwestern sind ein Herz und eine Seele, was ich auch durch ihr Verhalten in meinem Bild dokumentieren möchte. Der Kohl links unten im Bild als auch die Hagebutten sind nicht nur dekorativ sondern schmecken ihnen auch besonders gut nach dem ersten Frost.

Mein Anliegen mit der “Jahreszeiten“-Serie ist den Betrachter mehr für das Thema “Huhn“ zu sensibilisieren, ja, bestenfalls zu interessieren. Wenn Hühner einen Stellenwert in unserer Gesellschaft hätten wie beispielsweise ein Hund, dann gäbe es einen riesigen Aufschrei angesichts dessen, was den hoch sensiblen Tieren in der Industrie zugefügt wird. Es ist ein ungewöhnlicher Weg um aufmerksam zu machen. Aber ich sehe nicht, wie Tierschutz-Plakate Wirkung zeigen sollen, wenn man sie sich aus Ekel nicht einmal ansehen will. Was schockiert eine Gesellschaft, die schon alles gesehen hat? Was passiert mit diesen Plakaten, wenn sie ausgedient haben? Schon während meiner Ausbildung als Kommunikationsdesignerin hat mich diese Masse an Print-Produkten, die doch nur oft im Müll landen ohne näher beachtet zu werden, irritiert. Ich habe großen Respekt vor dem Material, mit dem ich arbeite. Es sind hoch pigmentierte Pastelle, die von Hand geschaffen werden. Es ist Papier, das einmal ein Baum gewesen ist. Es ist viel Zeit und tausend Gedanken, die in die Entstehung eingeflossen sind. Ich möchte aufmerksam machen, ja. Aber nicht mit Neon-Farben. Nicht mit provozierenden Headlines. Nicht die Müllproduktion mit noch mehr Müll befeuern. Meine Bilder sind nur ein winzig kleiner Tropfen auf den heißen Stein. Sie wollen auf traditionelle Weise als Gemälde von aktuellen Themen berichten. Aber nicht platt und provokativ. Ich möchte Emotionen wecken. Wenn ich nur einen einzigen damit bewegt habe, aus freiem Willen und echtem Interesse über Hühner nachzudenken, ohne sich dabei gemaßregelt zu fühlen, dann ist das schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Ausstellung „Gefährten“
Galerie im Alten Feuerwehrgerätehaus
Irlachstraße 5
83043 Bad Aibling

One thought on “AUSSTELLUNG „GEFÄHRTEN“ . DIE JAHRESZEITEN

  1. katrin.schmidt.riehe says:

    Hallo Du Liebe, danke das ich an Deinem,, Hühnerleben,, teilhaben durfte .Ich finde es großartig, Du lebst ..Meinen Traum!! Ich komme gebührtig aus Hoyerswerda.also Neubauwohnung und tolle ,,Straßenecke.,,. Meine Großeltern in Purschwitz ,bei Bautzen, hatten DIE HÜHNER…meine LIEBE…. Früh ,4.00 Uhr ging mein Opa Fritz..,DIE PUTTAS.. rauslassen. Mich hat das sehr interessiert, er hatte bloß den Bademantel an und seine Schiebermütze…Großartig…Ich werde auch meine Hühner haben! Das weiß ich und dann schicke ich Dir alle Fotos. Ich habe Dir alles schon erzählt und hoffe es..Doppelt.. nicht zu oft ,Ich finde Deine Malerei schön ,weich und liebevoll! Es ist wunderbar, wenn trotz dem Porzellanmaler Beruf, unsere eigene Malerei und Leidenschaft erhalten bleibt. Bei mir ist es genauso und ich freue mich .So eine tolle Malerin kennenzulernen. Deine Katrin

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