TRAGBARE TRADITION

Meine Begeisterung für das Dirndl entwickelte sich, als ich an ein Dirndlgewand geriet, das schon über hundert Jahre auf dem Buckel hatte. Es war absolut makellos und das Alter sah man ihm überhaupt nicht an. Es bestand aus einem festen Jacquardgewebe aus Baumwolle und war an dem herzförmigen Ausschnitt mit aufwändigen Muschelrüschen bestickt. Gleich stellte ich mir die Frage, wer sich damals wohl so viel Mühe gegeben hat bei der Herstellung dieses schönen Stücks und was seine frühere Trägerin wohl damit alles erlebt hat? Das Kleid benötigte eine Wäsche und nun, nach einigen Änderungen am Schnitt, trage ich das schöne Vintage-Dirndl stolz weiter. Ich bin mir sicher, dass es noch viele weitere Jahre überstehen wird.

Denn eigentlich war das der Gedanke hinter dem Dirndlkleid: Die Haltbarkeit. Das Dirndl war als Bekleidung für Dienstmägde an Haus und Hof gedacht. Daher stammt auch der Name des Dirndls, der sich von der deutsch-österreichischen Bezeichnung “Dirn” für ein junges Mädchen oder eben eine Magd, entwickelt hat. Ab 1870 setzte sich das Dirndl als “ländliches” Kleidungsstück für die städtische Oberschicht durch. In der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Dirndlkleid zum Kassenschlager, da es in seiner Schlichtheit eine gute, preiswerte Alternative zu den sehr aufwändig gearbeiteten und damit teuren Frauentrachten war. Das, was heute als Dirndl bezeichnet wird, sollte man also nicht mit den regionalen Volkstrachten verwechseln. Sicherlich haben die Dirndlkleider Einflüsse von echten historischen Trachten, jedoch haben sie keinen regionalen Bezug.

Das Dirndl besteht in der Regel aus einem Oberteil, das recht eng am Körper anliegen sollte und einem weiten Rockteil, welcher an der Taille angesetzt ist. Die Längen dieses Rockes variieren stark, obwohl eine Regel besagt, dass er nicht kürzer als die Höhe eines Maßkrugs sein sollte. Über dem Rock wird eine Halbschürze getragen, die entweder mit Metallschließen oder einer Schleife getragen wird. Die Schleife soll den Status der Trägerin symbolisieren. Wird sie auf der Linken Seite getragen, so ist die Trägerin noch zu haben. Bindet die Trägerin die Schleife auf der rechten Seite, so ist sie fest verbandelt oder verheiratet. Wird die Schleife vorne getragen, so ist die Trägerin Jungfrau. Wenn die Schleife hinten gebunden wid, so zeigt das, dass die Trägerin verwitwet ist. Diese Regeln sind allerdings neuere Erscheinungen, da sich die Trachten früher durch andere charakteristische Merkmale unterschieden haben.

Als gebürtiges “boarisches Madl” betrachte ich die derzeitige Entwicklung des Dirndlkleids eher skeptisch. Seit einigen Jahren gilt das Dirndl als modern und die Industrie im Ausland macht sich das zu Nutze. So hielten in den letzten Jahren auf den großen Volksfesten wie dem Oktoberfest immer mehr die im Ausland produzierten Kleidungsstücke aus Kunstfasern und äußerst unvorteilhaften Schnitten einzug. Männer griffen zu billigen Lederhosen vom Discounter oder gleich zur “Lederhose” aus Polyester aus dem Kostümverleih. Leider bin ich wirklich einmal Zeugin einer solchen Szene in einem Dresdner Kostümverleih geworden, sonst könnte ich es wahrscheinlich selbst nicht glauben. Für die Damenwelt gibt es das Minidirndl aus Polyester mit Strasssteinchen und Chiffon-Schürzerl, dazu ein Hut in Pink oder Giftgrün mit unechten Federn. Nun, es ist immer alles Geschmackssache, aber die alten Dirndl sind und bleiben einfach viel individueller und sind dazu ehrlicher. Es steckte viel Handarbeit in jedem Stück und sie wurden fern ab von der heutigen Massenproduktion hergestellt.

In ländlicheren Regionen findet man jedoch nach wie vor traditionelle Trachten. Und das bleibt auch hoffentlich so. Das Dirndl ist im Grunde ein Trachtenkleid aus Bayern oder aus Österreich. Doch heute ist es viel mehr als das. Es ist ein Stück tragbare Tadtion, die uns in der schnellebigen Zeit geblieben ist.

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